Auch wenn meine Ankündigung zu diesem Thema schon so lange her ist, dass sie fast nicht mehr wahr ist, gibt es da noch ein paar Sachen, die ich unbedingt loswerden will.
Die meisten Menschen sind hier nicht besonders reich. Das ist nichts Neues. Damit sich aber auch arme Menschen am allgemeinen Konsum beteiligen können, sind viele Ladenbesitzer großzügig und gestatten den Menschen ganz ohne Geld bei ihnen einzukaufen. Dafür bieten alle größeren Geschäfte Kreditkarten an.
Dazu ein Beispiel: Nach zwei Wochen in Ibirité war ich zusammen mit einer Betreuerin aus der Creche in Belo in einem Kaufhaus. Dort haben wir eine Bettdecke und einen Teppich für ihr Kinderzimmer gekauft (beides zusammen hat 150R$ gekostet – also etwa 60 Euro). Soviel Geld war aber gerade nicht auftreibbar (ich habe vorsichtshalber verschwiegen, dass ich fast den gesamten Betrag bar in der Tasche hatte). Die Lösung des Problems: Ein Abstecher in die Kaufhauseigene Kreditabteilung. Dort gab es 10 Schalter mit hilfsbereiten Kreditberatern und eine riesige Schlange davor, die sich durch die Abteilung mit Elekrtogeräten fast bis zu den Haushaltswaren zog. Nach 2 Stunden Wartezeit hatte man sich daruf geeinigt, die 150R$ in drei Monatsraten zu bezahlen. Tata!
Und so geht das hier immer. Beim Zahnarzt gibt es zwar keine Kreditkarte (Krankassen-Karte sowieso nicht, für den Zahnarzt fühlen die sich nicht zuständig), aber als ich neulich ein Kind aus dem Casa Abrigo zur Wurzelbehandlung begleitet habe, konnte ich auf der Rechnung sehen, dass die 50R$, die ich dort bezahlen musste, nur eine Rate waren. Es fehlten noch 270R$, die irgendwann mal bezahlt werden.
Wenn also eine Familie am Anfang des Monats Geld bekommt, müssen davon erstmal sämtliche noch ausstehende Verbindlichkeiten bezahlt werden. Entsprechend ist nach der ersten Hälfte des Monats kein Geld mehr da. Die zweite Hälfte des Monats lebt die Familie auf Pump und vielleicht reicht das Geld im nächsten Monat nicht mehr bis zum 15. , sondern nur noch bis zum 14. Ein Teufelskreis. Man möchte sich lieber nicht vorstellen, was passiert, wenn mal jemand ersthaft krank wird oder seinen Job verliert. Nachdem Maria mir das vor 6 Wochen erklärt hat, hatte ich angenommen, dass das System mittlerweile zusammengebrochen sein müsste.
Wenn es demnächst mal wieder zu einer Finanzkrise kommt, möge bitte niemand behaupten, dass sie nicht vorhersehbar gewesen sei!
Jan